Das Pilzesammeln erfreut sich in den letzten Jahren wachsender Beliebtheit und somit steigt leider auch die Rate an Pilzvergiftungen. Immer mehr Menschen wagen sich, auch ohne tiefgründiges Fachwissen, „in die Pilze“ und verlassen sich hierbei allzu oft auf Apps oder Youtube-Videos. Eine Verwechslung zwischen essbaren und giftigen Pilzen kann fatale Folgen nach sich ziehen. Wir möchten Ihnen einen allgemeinen Überblick über Pilzvergiftungen und die dazugehörigen Erste Hilfe Maßnahmen geben. Die beiden bekanntesten Giftpilze, der Fliegenpilz und der Knollenblätter, betrachten wir etwas genauer und gehen dabei vor allem auf die Giftwirkung und die Symptome ein.

Unterteilung der „Pilzvergiftung“

Im Umgangssprachlichen wird häufig jede Symptomatik als klassische Pilzvergiftung bezeichnet, wie können wir diese unterscheiden?

  • echte Pilzvergiftung
  • rohe Speisepilze mit Giftwirkung – viele Pilze sind für den Menschen erst nach dem ausreichenden Erhitzen genießbar. Wenn die Pilze im rohen Zustand verspeist werden, kommt es meist du Magen-Darm-Symptomen. Daher sollte immer abgeklärt werden, ob und wie lange die Pilze erhitzt werden müssen
  • Lebensmittelvergiftung – Pilze sind ein sehr leicht verderbliches Lebensmittel und es kann hier schnell zu Lebensmittelvergiftungen kommen. Der Klassiker ist das aufgewärmte Pilzgericht, dass zu wenig erhitzt oder zu lange gelagert wurde
  • Unverträglichkeiten und Allergien – manche Speisepilze können viele Allergene enthalten.

Allgemeine Symptome

Je nach Pilz und Pilzgift kommt es bereits nach wenigen Stunden zu den ersten Symptomen. Bei manchen Pilzarten leider auch erst deutlich später. Bei schnelleinsetzender Symptomatik wird häufig der Zusammenhang mit dem Pilzgericht erkannt und an eine Pilzvergiftung gedacht. Je später die Symptome auftreten, desto länger haben die Giftstoffe Zeit resorbiert zu werden und sich systemisch zu verteilen.

  • Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen
  • Benommenheit und Schwindel
  • Bewusstseinsstörungen bis hin zur Bewusstlosigkeit
  • Sehstörungen, Tränen- und Speichelfluss und eine starke Schweißsekretion
  • Herzrhythmusstörung mit zum Beispiel einer Tachykardie oder Bradykardie
  • Halluzinationen, Angstattacken und euphorische Zustände bei halluzinogenen Pilzen, hierfür ist Psilocybin und Psilocin in den Pilzen verantwortlich
  • Muskelzuckungen und Muskelkrämpfe

Die Symptome sind leider recht unspezifisch und vielfältig, daher ist es so wichtig, dass bei selbstgesammelten Pilzen immer eine Verbindung zu einer möglichen Pilzvergiftung gezogen wird.

Erste Hilfe und Sofortmaßnahmen bei dem Verdacht einer Pilzvergiftung

Schnellstmöglich einen Arzt oder Rettungsdienst verständigen

Sobald Sie nach einem Pilzgericht Unwohlsein verspüren, suchen Sie ärztlichen Rat auf. Die Giftnotrufzentrale  kann Ihnen hier ebenfalls mit Rat zur Seite stehen.

Leider warten viele Patienten zu lange, bis Sie sich einem Arzt vorstellen, dieses Abwarten kann zu schweren und bleibenden Organschäden führen.

Sobald eine bedrohliche Symptomatik auftritt, wie Bewusstseinsstörungen, Bewusstlosigkeit, Herzrhythmusstörungen, Kreislaufdepression, starke psychogene Symptomatik, sollten Sie sofort den Rettungsdienst verständigen.

Lebensrettende Sofortmaßnahmen bei einer Pilzvergiftung

Bis der Rettungsdienst und der Notarzt bei Ihnen eintrifft, führen Sie die lebensrettenden Sofortmaßnahmen durch. Da sich Pilzvergiftungen in der Symptomatik stark unterscheiden, gibt es keine allgemeingültige Erste Hilfe Anleitung.

  • Bei starker Bewusstseinsstörung und Bewusstlosigkeit mit Atmung -> stabile Seitenlage
  • Bewusstlosigkeit ohne Atmung -> Reanimation
  • Beruhigen und Abschirmen bei psychogenwirkenden Vergiftungen
  • Knierolle bei starken abdominellen Schmerzen
  • akute Atemnot mit vollem Bewusstsein -> Oberkörper aufrecht
  • Anweisungen der Leitstelle und des Giftnotrufes befolgen

Andere Personen vor dem Gift warnen

Hatten Sie Freunde zum Pilz-Abendessen bei sich? Es ist jetzt wichtig, dass Sie jeden kontaktieren, der ebenfalls dieselben Pilze konsumiert hat, damit auch bei diesen Personen eine schnelle ärztliche Hilfe erfolgen kann.

Pilzreste sichern

Es gibt viele verschiedene Arten von Pilzgiften, die den Organismus auf unterschiedliche Art und Weise angreifen. Um eine spezifische Therapie zu beginnen, muss der Wirkmechanismus des Giftes bekannt sein. Je schneller die spezifische Therapie erfolgt, desto besser sind die Chance keinen Schaden an den Organen zu erhalten. Fachleute können anhand von Pilzresten bzw. über die Zellstruktur unter dem Mikroskop die einzelnen Pilzgattungen identifizieren. Daher sichern Sie bitte die Reste vom Pilzputzen aus der Biotonne, eventuelle Reste vom Essen und selbst Erbrochenes ist wichtig.

Welche Informationen sind für die Ärzte wichtig?

Je mehr Informationen die Ärzte erhalten, desto besser kann geholfen werden.

  • Wann und wo haben Sie die Pilze gesammelt? Dies erleichtert die Identifizierung des Giftpilzes. Auch daran denken, dass Sie eventuell die Pilze vor zwei Wochen gesammelt und dann eingefroren haben.
  • Wie lange hat es nach dem Verzehr gedauert, bis welche Symptome aufgetreten sind?
  • Wer hat wie viel von dem Pilzgericht gegessen?
  • War in dem Pilzgericht nur eine Sorte oder bunt gemischt? Es könnten im schlimmsten Fall mehrere Giftpilze im Gericht gewesen sein.
  • Wurden die Pilze roh oder erhitzt verzehrt?

BITTE NIEMALS bei einer Pilzvergiftung machen

Leider ranken sich auch bei diesem Thema viele Mythen und Falschwissen im Internet. Wir haben einmal die schlimmsten Fehler, die gemacht werden können, zusammengefasst:

  • keine Milch trinken, dass Milch das Gift eliminiert ist ein reines Gerücht
  • Patienten weder durch einen Finger, warmes Salzwasser oder ähnlichem zum Erbrechen gebracht
  • Alkohol eliminiert weder das Gift, noch fördert es eine schnelle Ausscheidung. Manche Symptome können sogar noch verstärkt werden, hierauf gehen wir weiter unten ein
  • niemals spätes Einsetzen der Symptomatik als harmlos betrachten

Vergiftung mit Fliegenpilz oder Pantherpilz

Der Fliegenpilz ist mit Sicherheit der bekannteste Giftpilz in unseren Breitengraden. Er gehört zur Gattung der Wulstlinge und ist durch seine rote Kappe mit den weißen Punkten unverkennbar. Der artverwandte Pantherpilz unterscheidet sich nur durch seine braune Kappe von den Fliegenpilzen. Auch er gehört zu den Giftpilzen und enthält die gleichen Giftstoffe, wie sein Verwandter. Durch das markante Erscheinungsbild und dem Bekanntheitsgrad kommt es nur noch selten zu Vergiftungen. Allerdings sind gerade Kleinkinder gefährdet, die eben noch nicht differenzieren können, was sie sich gerade in den Mund stecken.

Der Fliegenpilz ist durch sein rotes Aussehen mit den weißen Punkten leicht erkennbar. Der Fliegenpilz wird meistens als der klassische giftige Pilz beschrieben.

Wie wirken die Gifte im Fliegenpilz und Pantherpilz?

Fliegenpilze und Pantherpilze enthalten Ibotensäure, Muscimol und Muscarin, welche für die Giftwirkung verantwortlich sind. Besonders das Fruchtfleisch und die Lamellen enthalten eine hohe Konzentration der Giftstoffe. Ibotensäure und Muscimol sind psychogenaktive Substanzen und können zusätzlich die motorischen Funktionen hemmen und zu zentralnervösen Symptomen führen. Muscimol entsteht bei der Trocknung der Pilze oder der Körper metabolisiert, nach dem Verzehr, Ibotensäure zu Muscimol. Muscarin wirkt als Agonist auf den muscarinischen Acetylcholinrezeptor und aktiviert so den Parasympathikus. Allerdings sind die Mengen an Muscarin sehr gering und spielen bei der Vergiftungserscheinung eine eher untergeordnete Rolle.

Symptome der Vergiftung

Erste Symptome können bereits circa 30 Minuten nach dem Verzehr auftreten. Die Symptome gleichen am Anfang einem Alkoholrausch und können bis zur tiefen Bewusstlosigkeit und Koma führen. Bei sehr hohen Dosen, kann die Vergiftung auch tödlich enden.

  • Rauschähnliche Zustände mit Halluzinationen, Enthemmtheit und depressiven Phasen
  • Bewusstseinsstörungen, Verwirrtheit, Sprachstörungen, epileptische Anfälle und Bewusstlosigkeit
  • Motorische Funktionsstörungen, starker Tremor und Lähmungen
  • Durchfälle, Magen-Darm-Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Mydriasis durch die Muscarin Wirkung

Maßnahmen bei einer Vergiftung mit Fliegenpilzen und Pantherpilzen

Wie bei allen gilt es die oben beschrieben Maßnahmen durchzuführen. Bei psychogen wirkenden Pilzvergiftung hat das Beruhigen und Abschirmen einen besonders hohen Stellenwert. Patienten können auf laute Geräusche, viele Personen im Raum und helles Licht sehr massiv reagieren und es kann zu einer Verschlechterung der psychogenen Symptomatik kommen.

Knollenblätterpilz-Vergiftung

Es existieren drei Arten von Knollenblätterpilzen, wobei von zwei Arten die tödliche Gefahr ausgeht:

  • grüner Knollenblätterpilz – hochgradig giftig
  • weißer Knollenblätterpilz – hochgradig giftig
  • gelber Knollenblätterpilz – mittelgradig giftig

Bei dem Knollenblätterpilz werden drei Arten differenziert. Der grüne, weiße und gelbe Knollenblätterpilz, wobei diese unterschiedlich giftig sind. 

Biosynthese oder wie in unseren Zellen lebenswichtige Hormone, Enzyme und Moleküle entstehen

Für das bessere Verständnis gibt es einen kleinen Ausflug in die Biochemie. Wie funktioniert eigentlich die Proteinbiosynthese auf zellulärer Ebene? Der Teil der DNA im Zellkern, der für ein bestimmtes Protein codiert, wird abgelesen und kopiert. Der kopierte Teil ist unsere RNA, dieser Vorgang nennt sich Transkription. Die RNA-Polymerasen sind die Enzyme, die für das Kopieren zuständig sind. Jetzt wird die RNA zum Ribosom gebracht, das in der sogenannten Translation das Protein erstellt. Dieser ganze Prozess ist, wie sich jeder denken kann, für jedes Lebewesen elementar.

Die beiden Gifte im grünen und weißen Knollenblätterpilz

Das potente Gift im Knollenblätterpilz heißt alpha-Amanitin und hemmt genau diese Polymerase Enzyme. Hierbei sind vor allem unsere Zellen in der Leber und im Darm betroffen, dass erklärt auch die meisten der Symptome. Durch die Unterbrechung der Proteinbiosynthese kommt es schlussendlich zum Zelltod. Leider wird das Gift nicht durch Erhitzen oder Einfrieren zerstört bzw. unwirksam. Häufig haben die Patienten bei der gesicherten Diagnose bereits einen fortgeschrittenen Leberschaden. Es besteht eine erhebliche Gefahr einer Fehldiagnose, da in den ersten Stunden vor allem die Magen-Darm-Problematik imponiert. Daneben enthält der Pilz noch Phallotoxine, die eine Magen-Darm-Symptomatik hervorrufen. Diese können allerdings durch Erhitzen zerstört werden.

Symptome der Knollenblätterpilz- Vergiftung

Die Symptome korrelieren mit der Giftmenge, hierbei kann bereits ein Pilz tödlich sein. Durch die Zerstörung der Darmepithelzellen kommt es nach circa 6 bis 12 Stunden zu Übelkeit, Erbrechen, Durchfällen und Bauchschmerzen, meist mit kolikartigem Charakter. Ungünstigerweise denken sich viele Patienten, dass sie einfach etwas Falsches gegessen oder etwas nicht vertragen haben. Das Unheil nimmt weiter seinen Lauf. Nach circa zwei bis vier Tagen zeigen sich die Symptome der Leberfunktionsstörung. ALAT/GPT, Bilirubin und ASAT/GOT steigen im Plasma an. Meist ist das Bilirubin so hoch, dass sich ein Ikterus (gelbe Verfärbung der Haut und der Augen) entwickelt. Durch das hohe Ammoniak, dass nicht mehr über die Leber ausgeschieden werden kann, kommt es zu Bewusstseinseintrübung bis zum hepatischen Koma. Auch die Synthese der Gerinnungsfaktoren ist stark beeinträchtigt, was zu gastrointestinaler Blutung und flächigen Hauteinblutungen führen kann. Bei schweren Vergiftungen entwickeln die Patienten häufig, auf dem Boden eines hepatorenalen Syndroms, ein akutes Nierenversagen.

Lebensgefährliche Mythen bei Pilzvergiftung

Wie so oft, ist das Internet voll mit gefährlichen Falschinformationen und Mythen. Wir haben einmal die größten und gefährlichen zusammengetragen:

  • Silberlöffel verfärbt sich schwarz beim Kochen, wenn das Gericht giftige Pilze enthält
  • Tierfraßspuren sind nur bei essbaren zu finden
  • Symptome treten schnell nach Verzehr auf
  • Gifte werden beim Erhitzen zerstört

Hierbei handelt es sich um reine, dafür aber lebensgefährliche, Mythen die NICHT stimmen!    

Pilze und Alkohol – das Coprinus-Syndrom

Wir wurden beim Thema Vergiftungen schon öfters von Kursteilnehmern angesprochen, dass zu Pilzen kein Alkohol getrunken werden darf. Das ist bei einigen Speisepilzen tatsächlich der Fall zum Beispiel bei Faltentintling und Glimmertintling. Beide enthalten das Coprin, dass beim Erhitzen zu Glutaminsäure und 1-Aminocyclopropanol zerfällt. Der Trinkalkohol Ethanol wird in der Leber enzymatisch abgebaut. Durch 1-Aminocyclopropanol wird das Enzym Aldehyddehydrogenase in der Leber gehemmt und somit der enzymatische Abbauweg. Hierdurch reichert sich Acetaldehyd (wird eigentlich durch die Aldehyddehydrogenase zu Acetat) an. Durch die Anreicherung können folgende Symptome auftreten:

  • Flush (einsetzende Gesichtsrötung)
  • Tachykardie mit Palpitationen
  • Hypertonie
  • Schweißausbrüche

Fazit

Erkundigen Sie sich bitte ausführlich vor dem Pilze sammeln, welche denn geeignet sind zum Essen. Optimalerweise machen Sie dies bitte mit einer Fachkundigen Person. Denn die Gefahr eine Pilzvergiftung zu erleiden, ist bei Ahnungslosigkeit oder wenig Fachwissen hoch. Sollten Sie sich bezüglich eines Pilzes unsicher sein, vermeiden Sie lieber den Verzehr des Pilzes.

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Bei Beschwerden und Symptomen wenden Sie sich bitte persönlich an einem Arzt. Bei bedrohenden Notfällen rufen Sie bitte unverzüglich unter der 112 den Rettungsdienst.

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